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Meister Eckhart: Predigt 52 (DW II)

Enthalten in:Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Ms. germ. oct. 329
Geistliche Traktate, Predigten und Sprüche
lfd. Nr.:17
Foliierung:214v–220r
Verfasser:Meister Eckhart
Bezeichnung/Überschrift:Predigt 52 (DW II)
Texttyp:Predigt
Anlass:S 79
Thema/Regest:Die ganze Predigt gilt dem Thema der Armut des Geistes, deren Lobpreis im Matthäuszitat Eckhart der grundlosen Weisheit Gottes in den Mund legt, die alle Weisheit der Kreatur übertrifft. Der Prediger unterscheidet zuerst die äußere von der inneren Armut, ohne im weiteren näher auf die äußere Armut einzugehen. Im Hauptteil der Predigt spricht er nur über die innere Armut. Ein armer Mensch ist nicht nur, wer an allen Dingen außer Gott kein Genüge findet, sondern derjenige, der nichts will, nichts weiß und nichts hat. Diese drei Punkte sollen die Grundlage der nun folgenden Ausführungen bilden. Derjenige, der nichts will, ist nicht identisch mit dem, der sich an allerlei Bußübungen und Werke klammert, durch die er Seligkeit erlangen will. Die gute Absicht in den Werken, selbst der Wille, Gottes Willen zu erfüllen, sind nicht wahre Armut, sondern allein die Befreiung des Menschen von seinem geschaffenen Willen. Nur der Mensch ist arm, der nichts will und nichts begehrt und so dorthin zurückkehrt, wo er noch nicht war. In diesem ursprünglichen Sein und Erkennen seiner selbst waren Mensch und Gott nicht getrennt. Dies geschah erst, als die Kreatur in ihrem Willensentschluss aus Gott ausging und ihn sich dadurch als Gott gegenüberstellte. "Gott" als "Gott" erschien erst in dieser Trennung: So muss denn auch die Trennung überwunden werden, indem der Mensch auf seinen Willen verzichtet und in die Einheit zurückkehrt. Der Mensch muss nicht einfach sich, die Wahrheit und Gott ablegen, sondern darüber hinaus alles Wissen darum hinter sich lassen. Er darf also nicht wissen, dass Gott in ihm lebt, und er darf Gott nicht in sich erkennen, damit er im Verzicht allen Wissens dahin gelangt, wo er war, als er noch nicht war. Dann wirkt allein Gott in ihm. Die Seligkeit dieses Wirkens liegt nicht im Erkennen oder in der Liebe, sondern in diesem Etwas in der Seele, als das Gott gegenwärtig ist im Menschen. Darin ist Gott weder Erkennen noch sein, sondern unbestimmbare Freiheit von allen Dingen. Nur die Seele, die alles Wissen hinter sich lässt, kann mit ihm darin eins werden. Nochmals hebt Eckhart hervor, dass es ihm in der vorliegenden Predigt nicht um die materielle Armut geht: Nach der Rekapitulation der ersten zwei Aspekte der Armut bestimmt er die Armut hinsichtlich des Habens als Verzicht auf alle äußeren und inneren Dinge und Werke. Nur dort, wo der Mensch vollständig frei ist, kann Gott in ihm wirken. In dieser absoluten Armut erlangt der Mensch das Sein wieder, das er vor der Trennung von Gott besaß: Die Gnade ermöglicht diese Rückkehr, denn sie bewirkt im Menschen die Überwindung des Zufälligen und hebt so die Bindung der Verwirklichung des Daseins ans zeitliche Werden auf. Die Armut geht selbst darüber noch hinaus: Sie befreit von aller Unterschiedenheit, insofern sie den Menschen des Ortes beraubt, der in ihm als Wirkort Gottes definiert ist. Nur dann nämlich, wenn Gott über aller Bestimmung, über alle mSein und über aller Unterschiedenheit gefasst wird, gelangt der Mensch in die Ursache seiner selbst und überwindet darin die Zeit. In dieser Rückkehr in seinen Grund wird der Mensch Ursache und Geburtsort seiner selbst und aller Dinge. In diesem Durchbruch in der Armut hebt sich aller Unterschied zwischen Gott und Mensch auf, denn darin ist der Mensch eins mit Gott, bevor dieser in die Kreatur ausfloss. Der Text schließt mit der Bemerkung, das Verständnis der Rede finde sich nur ein, wo die Erfahrung der Wahrheit ihr vorausgehe. (Largier I, S. 1051ff.)
Bibelstellen:Mt 5,3
Personennamen:
  • Albertus Magnus
  • Paulus
Schlagworte:
  • Armut
  • Einheit
  • Gelassenheit
  • Intentionalität
  • Werke
  • Wille
Edition:Quint, J./Steer, G. (Hg.), Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, hg. im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Abt. I: Die deutschen Werke, Stuttgart 1936ff., DW II, 52.
Literatur:
  • Albert, K., Meister Eckharts These vom Sein. Untersuchungen zur Metaphysik des Opus tripartitum, Saarbrücken 1976, S. 196.
  • Epinay-Burgard, G., La critique d'Eckhart par Ruusbroek et son disciple Jean de Leeuwen, in: Flasch, K. (Hg.), Von Meister Dietrich zu Meister Eckhart (Corpus Philosophorum Teutonicorum Medii Aevi, Beiheft 2), Hamburg 1984, S. 177–185.
  • Kern, U., Der "Arme" bei Meister Eckhart, in: NZSTh 29 (1987), S. 1–18, hier S. 1–14.
  • Langer, O., Mystische Erfahrung und spirituelle Theologie. Zu Meister Eckharts Auseinandersetzung mit der Frauenfrömmigkeit seiner Zeit, München/Zürich 1987, S. 189ff.
  • Largier, N. (Hg.), Meister Eckhart, Werke, Bd. I (Deutscher Klassiker Verlag im TB 24), Frankfurt a.M. 2008, S. 1047–1060.
  • Libera, A. de, Introduction à la Mystique Rhénane. D'Albert le Grand à Maître Eckhart, Paris 1984, S. 246–250.
  • Lücker, M.A., Meister Eckhart und die devotio moderna (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters, Bd. 1), Leiden 1950, S. 53 (zur Auseinandersetzung Ruusbroecs mit der Predigt).
  • Maren, J.W. van, Zitate deutscher Mystiker bei Marquard von Lindau, in: ABäG 20 (1983). S. 74–85, hier S. 80ff.
  • Mieth, D. (Hg.), Meister Eckhart. Einheit im Sein und Wirken, München/Zürich 1985, S. 146ff.
  • Mojsisch, B., Meister Eckhart. Analogie, Univozität und Einheit, Hamburg 1983, S. 119f.
  • Mojsisch, B., Meister Eckharts Kritik der teleologisch-theokratischen Ethik Augustins, in: Medioevo 9 (1983), S. 43–59, hier S. 58.
  • Quint, J./Steer, G. (Hg.), Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, hg. im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Abt. I: Die deutschen Werke, Stuttgart 1936ff., DW II, S. 484f.
  • Ruh, K., Meister Eckhart. Theologe, Prediger, Mystiker, München 21989, S. 158–165 und 189.
  • Steer, G., Der Armutsgedanke der deutschen Mystiker bei Marquard von Lindau, in: Franziskanische Studien 60 (1978), S. 289–300.
  • Theisen, J., Predigt und Gottesdienst. Liturgische Strukturen in den Predigten Meister Eckharts (EHS I, Bd. 1169), Frankfurt a. M./Bern 1990, S. 263–266.
  • Zum Brunn, É./Libera, A. de, Maître Eckhart, Métaphysique du Verbe et théologie négative, Paris 1983, S. 180f. und 213ff.
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Eingestellt am: 10. Jun 2010 16:30
Letzte Änderung: 20. Mär 2012 19:10
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